Eine Warnung vorweg - mein Programm ist eigentlich kein Analyseprogramm für klassische Literatur, aber da diese Texte gemeinfrei zur Verüfgung stehen nutze ich sie um zu zeigen, was Tsukue für eure Manuskripte machen kann!
Wer kommt eigentlich vor? Figurenanalyse mit Tsukue am Beispiel von Kafkas "Der Prozess"
Kafka hat ein Problem. Genauer gesagt: Josef K. hat ein Problem. Und noch genauer gesagt hat jeder, der einen Roman mit mehr als einer Handvoll Figuren schreibt, irgendwann dasselbe Problem: Man verliert den Überblick. Wer ist wann da? Wann hat man eine Figur zuletzt erwähnt? Und war diese Person eigentlich wichtig, oder hat man sie in Kapitel 3 kurz eingeführt und dann schlicht vergessen?
Tsukue hat dafür jetzt einen eigenen Analysebereich: die Figurenanalyse. Was sie kann, zeige ich am Beispiel von Franz Kafkas "Der Prozess" — einem Text, der sich dafür besonders gut eignet, weil er eine große, ungleichmäßig verteilte Figurenkonstellation hat und weil Kafkas Erzähltechnik selbst an einigen Stellen die Grenzen des Machbaren auslotet.
DAS ENSEMBLE
Tsukue hat im "Prozess" dreizehn Figuren identifiziert und akzeptiert. An der Spitze steht naturgemäß Josef K. mit 1.164 Erwähnungen — eine Zahl, die in einem Ich-nahen Erzähltext nicht überrascht, aber die Relation zu den anderen Figuren deutlich macht. Der Herr Untersuchungsrichter kommt auf 181 Erwähnungen, Leni auf 91, Frau Grubach auf 112. Dann fällt es steil ab: Wächter Franz mit 42, Hauptmann Lanz mit 16, Willem mit 14, Wollen mit 20. Ganz unten: Elsa mit 7, Fräulein Bürstner mit 7, Freund Albert mit 7, Dr. Huld mit 5, Onkel Karl mit 1.
Das ist kein Bug, das ist Kafka. Die Diskrepanz zwischen dem erzählerischen Gewicht einer Figur und ihrer bloßen Erwähnungsfrequenz ist bei ihm besonders kraß — der Herr Untersuchungsrichter prägt den Roman, obwohl er mit 181 Erwähnungen weit hinter Josef K. liegt. Für einen realen Autor ist diese Verteilung ein erster Hinweis: Wer hat eigentlich Raum bekommen, und wer war bloß Staffage?
Was die 1.164 Erwähnungen von Josef K. außerdem verraten: Fast der gesamte Roman läuft über das bloße „K." — 1.112 Mal. „Josef K." als voller Name kommt exakt sechsmal vor. „Josef" allein achtzehnmal. Kafka nennt seine Hauptfigur auf 250 Seiten sechsmal beim vollen Namen. Das ist keine Nachlässigkeit, das ist Programm: Die Reduktion auf einen Buchstaben ist Teil des Entfremdungsgestus. Tsukue zählt alle Varianten zusammen — was dahintersteckt, muss der Leser selbst sehen.
ERWÄHNUNGEN PRO SZENE: DER VERLAUF
Der interessanteste Teil der Analyse ist das Liniendiagramm, das die Erwähnungsfrequenz jeder Figur über alle neun Kapitel hinweg zeigt. Josef K. (blau) dominiert durchgehend mit einem deutlichen Peak in Kapitel 5 — knapp 400 Erwähnungen in einer einzigen Szene, was auf die große Gerichtsverhandlung hindeutet. Der Herr Untersuchungsrichter (hellgrün) hat ein ähnliches Muster: flach, dann ein einmaliger Ausschlag in exakt jenem Kapitel, danach wieder Stille.
Die meisten anderen Figuren verlaufen als nahezu horizontale Linien knapp über der Nulllinie. Das ist in diesem Text nicht nur richtig — es ist strukturell beabsichtigt. Kafkas Nebenfiguren sind keine Charaktere mit eigener Entwicklung, sondern Funktionen: Sie erscheinen, üben ihre Wirkung auf Josef K. aus und verschwinden wieder.
Für einen Autor, der das nicht beabsichtigt, wäre genau diese Grafik der Moment, in dem er aufhorcht. Wenn eine Figur, die in der eigenen Vorstellung wichtig ist, als flache Linie durch alle Kapitel zieht, hat man vielleicht doch weniger Raum für sie gelassen als gedacht.
Tsukue prüft, ob Figuren für ungewöhnlich lange Strecken aus dem Text verschwinden. Im "Prozess" meldet die Analyse: keine auffälligen Abwesenheiten.
Das klingt zunächst unspektakulär. Für diesen Text stimmt es aber: Kafka führt seine Figuren ein, nutzt sie gezielt und lässt sie dann bewusst fallen. Es gibt kein versehentliches Vergessen — oder zumindest keines, das die Schwellwerte der Analyse auslöst. In einem anderen Manuskript wäre dieselbe Warnung-frei-Meldung ein Gütezeichen. In einem Manuskript, in dem man sich nicht so sicher ist, wäre die Abwesenheitsprüfung der erste Ort, an dem man nachschauen sollte.
DER TSCHECHOW-CHECK
Anton Tschechow hat das Prinzip formuliert: Wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, muss es im dritten Akt abgefeuert werden. Tsukue wendet das auf Figuren an — und findet im "Prozess" zwei Fälle, die eine Markierung verdienen.
Onkel Karl: eine einzige Nennung, im sechsten Kapitel. Klassische Einmalnennung — eine Figur, die kurz auftaucht und dann nicht mehr vorkommt. Ob das Absicht ist oder eine vergessene Faden, muss der Autor selbst entscheiden. Bei Kafka ist es Absicht: Onkel Karl ist eine Randfigur des bürgerlichen Umfelds, die K. kurz zur Seite steht und dann irrelevant wird. In einem anderen Manuskript könnte dieselbe Markierung auf einen vergessenen Subplot hinweisen.
Freund Albert: sieben Nennungen, aber alle im sechsten Kapitel — ein Auftritt mit mehrfacher Wiederholung, ohne dass die Figur danach noch eine Rolle spielt. Tsukue markiert das separat, weil es strukturell anders ist als eine reine Einmalnennung: Hier hat jemand investiert, ist dann aber nicht mehr aufgetaucht. Das ist der Typ Figur, der in einer Überarbeitung entweder mehr Raum bekommen oder konsequent gestrichen werden sollte.
ENSEMBLE-DICHTE
Durchschnittlich 4,6 Figuren pro Szene — das klingt nach einem lebhaften Roman, und das Balkendiagramm dahinter zeigt, dass dieser Durchschnitt durch einzelne Kapitel zustande kommt, in denen viele Figuren gleichzeitig auf der Bühne stehen (Ensemble-Szenen mit 6+, markiert in Orange), während andere Kapitel deutlich intimer sind.
Was das für einen Autor bedeutet: Wenn man den Rhythmus eines Textes verstehen will — wie er atmet, ob er zwischen ruhigen und vollen Szenen wechselt — ist diese Verteilung der schnellste Einstieg. Ein Roman, der nur Ensemble-Szenen hat, ermüdet. Einer, der nur Zweierszenen hat, kann klaustrophobisch wirken. Im "Prozess" ist die Verteilung dramaturgisch konsequent: viele Szenen mit Josef K. allein oder in kleinen Konstellationen, unterbrochen von den großen Gerichtsszenen.
KO-PRÄSENZ
Die Ko-Präsenz-Matrix zeigt, wie oft zwei Figuren dieselbe Szene teilen. Der Blick auf die Zahlen im "Prozess" verrät etwas, das man beim Lesen vielleicht nicht so explizit wahrgenommen hat: Leni und Frau Grubach begegnen sich nie — obwohl beide drei oder mehr Szenen haben, teilen sie keine davon. Tsukue markiert das als strukturellen Befund: Diese beiden Figuren gehören verschiedenen Welten Josef K.s an, die sich nicht berühren.
Das ist bei Kafka dramaturgische Präzision. In einem fremden Manuskript könnte dieselbe Markierung ein Versehen aufdecken: zwei Figuren, die der Autor im Kopf verbunden hat, die im Text aber nie wirklich zusammengebracht wurden.
ERSTAUFTRITTE
80 Prozent der Figuren sind bis zur sechsten Szene eingeführt. Das ist eine hohe Konzentration für einen Roman dieser Länge, und Tsukue markiert es als Warnung: Viele neue Namen auf einmal.
Der Verteilungsplot zeigt, warum: Sieben Figuren werden bereits im ersten Kapitel eingeführt — Josef K., Wollen, Elsa, Frau Grubach, Fräulein Bürstner, Willem, Wächter Franz. Zwei weitere (Herr Untersuchungsrichter, Hauptmann Lanz) kommen in Kapitel 2. Und in Kapitel 6 erscheinen auf einmal vier neue Figuren: Leni, Dr. Huld, Freund Albert, Onkel Karl.
Das sechste Kapitel ist damit die zweite große Einführungswelle des Romans — auch das eine dramaturgische Entscheidung, die im "Prozess" auf den Eintritt in die Welt des Advokaten fällt. Für einen Autor, der eine solche Häufung nicht beabsichtigt hat, wäre diese Grafik das Signal, um zu prüfen, ob der Leser an dieser Stelle nicht überfordert wird.
WAS MAN DAMIT MACHT
Die Figurenanalyse beantwortet keine Fragen — sie stellt sie. Ist Onkel Karls Einmalauftritt Absicht oder ein vergessener Subplot? Warum begegnen sich Leni und Frau Grubach nie? Hat die Einführungswelle in Kapitel 6 Raum genug, oder wirft man dem Leser zu viele Namen auf einmal hin?
Bei Kafka sind die Antworten eindeutig. In einem eigenen Manuskript sind sie es meistens nicht — und genau da wird die Analyse nützlich. Man sieht nicht mehr, was man selbst geschrieben hat. Man sieht nur noch, was man schreiben wollte. Tsukue zeigt, was tatsächlich auf der Seite steht.
Die Figurenanalyse ist Teil von Tsukue für macOS und iPadOS. TestFlight-Zugang unter tsukue.de.